Planst du eine Praxis? Hier erfährst du alles über die nötigen Dezibel-Werte (dB), die Norm SIA 181 und warum die Lüftung oft deine grösste Schallbrücke ist.
Für Ärzte, Therapeuten und Anwälte reicht der Standard-Schallschutz moderner Büros oft nicht aus. Um die Schweigepflicht zu wahren, sind Dämmwerte von mindestens 50 - 55 dB nötig. Die grössten Schwachstellen sind dabei meist nicht die Wände selbst, sondern Türen ohne Bodendichtungen und durchgehende Lüftungskanäle. Wer eine Praxis plant, muss die Norm SIA 181 zwingend beachten.
Stell dir vor, ein Patient sitzt in deinem Wartezimmer. Er blättert in einer Zeitschrift, es ist ruhig. Plötzlich hört er Stimmen aus dem Behandlungszimmer nebenan. Er versteht nicht jedes Wort, aber er hört, dass der Patient aufgebracht ist.
In diesem Moment ist das Vertrauensverhältnis beschädigt - nicht nur zum Patienten im Zimmer, sondern auch zu dem, der draussen wartet. Er weiss nun: „Hier hört man alles. Auch über mich.“
Für Mieter von Praxisflächen ist das ein klassisches Problem: Viele Gewerbeflächen werden als „Bürostandard“ vermietet. Doch was für ein Marketing-Team oder eine Buchhaltung völlig okay ist (man hört das Lachen der Kollegen), ist für eine Psychotherapie oder Arztpraxis ein absolutes No-Go.
Bevor wir zu den Lösungen kommen, müssen wir zwei Begriffe trennen, die oft verwechselt werden:
Raumakustik: Wie hallt es im Raum? (Lösung: Teppiche, Akustiksegel).
Bauakustik (Schallschutz): Wie viel Lärm dringt durch die Wand nach draussen?
Für deine Diskretion ist fast ausschliesslich die Bauakustik entscheidend. Und hier regieren in der Schweiz die harten Zahlen der Norm SIA 181.
Die Schalldämmung wird in Dezibel (dB) gemessen. Der Wert $R'_w$ gibt an, wie viel Schall die Wand "schluckt". Je höher, desto besser. Hier ist eine realistische Einschätzung für den Praxisalltag:
35–40 dB (Standard-Trockenbauwand, einfach beplankt): Das ist der Standard in vielen günstigen Büroausbauten. Normale Gespräche sind im Nebenraum verstehbar. Für eine Praxis ungeeignet.
40–45 dB (Büro-Trennwand, isoliert): Gespräche sind als Murmeln hörbar, laute Worte sind verstehbar. Für vertrauliche Therapiegespräche immer noch riskant.
50–55 dB (Erhöhter Schallschutz): Normale Gespräche sind unhörbar. Laute Auseinandersetzungen oder Schreien sind nur noch dumpf wahrnehmbar, aber inhaltlich nicht zu verstehen. Das ist dein Zielwert.
Du kannst die besten Wände bauen lassen - wenn du die folgenden drei Schallbrücken ignorierst, war die Investition umsonst. Schall verhält sich wie Wasser: Er sucht sich das kleinste Loch.
1. Die Türen (Das Nadelöhr)
Eine massive Wand nützt nichts, wenn daneben eine hohle Wabentür aus dem Baumarkt eingebaut ist. Praxistüren benötigen eine hohe Schallschutzklasse (mindestens 37 dB, besser 42 dB). Der Killer: Der Luftspalt unter der Tür. Ohne eine Absenkdichtung (Schallex), die beim Schliessen der Tür automatisch auf den Boden drückt, kriecht der Schall einfach unten durch.
2. Die abgehängte Decke (Der Überflieger)
In vielen Büros gehen die Trennwände nur bis zur abgehängten Rasterdecke (Odenwalddecke), aber nicht bis zur "echten" Betondecke darüber. Der Hohlraum über den Deckenplatten ist oft offen. Der Schall klettert einfach über die Wand und fällt im Nachbarzimmer wieder herunter (Längsschalldämmung). Lösung: Die Gipskartonwände müssen zwingend bis zur Rohdecke hochgezogen und dort abgedichtet werden. Alternativ müssen "Schallschotts" in den Deckenhohlraum eingebaut werden.
3. Lüftung und Kabelkanäle (Das Telefon)
Verbindet ein gemeinsamer Lüftungskanal zwei Behandlungszimmer? Ohne Schalldämpfer im Rohr wirkt die Lüftung wie ein Telefon. Man spricht in Zimmer A in den Auslass, und in Zimmer B kommt der Ton glasklar an. Auch durchgehende Brüstungskanäle für Steckdosen sind beliebte Schallüberträger.
Wenn du eine Fläche besichtigst oder den Mieterausbau planst, achte auf diese Punkte:
Wandaufbau: Frage nach doppelter Beplankung. Zwei Lagen Gipskarton (2x 12,5mm) auf jeder Seite des Ständerwerks bringen deutlich mehr Ruhe und Masse als eine einfache Lage.
Grundriss: Platziere sensible Räume (Therapie) nicht direkt neben das Wartezimmer. Nutze Pufferzonen wie das Archiv, das Labor oder einen Flur dazwischen.
Sound Masking: Eine moderne Lösung, wenn baulich nichts mehr geht. Spezielle Lautsprecher im Wartezimmer erzeugen ein kaum wahrnehmbares Hintergrundrauschen (White Noise), das Sprachfrequenzen überlagert und Gespräche aus dem Behandlungszimmer unverständlich macht.
Schallschutz ist kein Luxus, sondern die Basis deiner beruflichen Existenz als Arzt oder Therapeut. Verlasse dich nicht auf Aussagen wie „Das ist ein ruhiges Haus“. Bestehe im Mietvertrag oder in der Baubeschreibung auf konkrete dB-Werte nach SIA 181 für die Trennwände und Türen deiner Behandlungsräume. Es ist deutlich günstiger, beim Einzug CHF 5'000 mehr in Trockenbau und Türen zu investieren, als später wegen Beschwerden den Betrieb für einen Umbau schliessen zu müssen.
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